Einblick No. 25 // Extra

Melissa, eine junge Frau mit blonden, schulterlangen Haaren, steht lächelnd vor einer Reihe von weißen Skulpturen.Kultur in der Provinz?

Ich war wirklich skeptisch als ich zu einem Bewerbungsgespräch in das 600-Seelendorf Bad Salzhausen eingeladen wurde – dort soll ich ein Jahr lang als Freiwillige im FSJ Kultur beim Kulturmanagement der Stadt Nidda das Kulturprogramm für etwa 18.000 Einwohner/-innen mitgestalten? (Zum Vergleich: Frankfurt am Main liegt gute 60km von Nidda entfernt und hat rund das Vierzigfache an Einwohner)

Fernab von urbanen Zentren ist es nicht ganz so „hip“ und auch die Ausgehmöglichkeiten sind begrenzt; zu Shoppingtouren muss man ein paar Kilometer mehr Fahrt auf sich nehmen, außerdem ist auf dem Land sowieso alles etwas kleiner und beschaulicher.

Doch muss ich kurz nach Ende meines Freiwilligendienstes sagen: Ich vermisse die Zeit!
Ich habe in meiner Einsatzstelle so viel Unterstützung und Förderung erfahren und lernte eine ganz bunte KulturLANDschaft kennen!

Von Lesungen, Konzerten und Märkten, über Open-Air-Events, bis hin zu einem mehrtägigen Bildhauer-Symposium. Während in den Einsatzstellen der „großen Häuser“ das Programm unbeachtet von allem läuft (und auch laufen muss), konnte ich mich in die sehr facettenreiche Arbeit der Kulturabteilung maßgeblich einbringen, die mir gleichzeitig zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten geboten hat. So unterschiedlich die Veranstaltungen sind, so unterschiedlich sind auch meine Aufgaben, die weitaus über öde Büroarbeiten hinausgehen.

Ab und an, war da auch mal die Gelegenheit nach der Veranstaltung ein Glas Wein oder Bier mit Persönlichkeiten wie Roger Willemsen, Harald Karasek oder Katharina Thalbach zu schlürfen. Es sind alles Erfahrungen oder Einblicke, die ich nicht missen möchte. Obendrein ist es ein nettes Plus, dass sich mein Arbeitsplatz inmitten eines großen Parks mit vielen Skulpturen von renommierten Bildhauern befindet, denn hier findet Kunst noch vor der „Haustür“ statt. Leider ticken, wie allgemein vielleicht angenommen, bei uns auf dem Land nicht die Uhren langsamer. Ungeachtet von Spielzeiten oder Jahreszeiten, muss der Veranstaltungskalender der Kultur das gesamte Jahr vollgefüllt sein. Es wird also nie langweilig; im Gegenteil das Jahr verging wie im Fluge.

Dass bereits Freundschaften in der neuen Umgebung bestanden, hat mir den Umzug natürlich erleichtert.  Vom FSJ Kultur-Taschengeld kann man bei den Mieten sogar etwas sparen, denn diese befinden sich auf dem Land im unteren Preissegment und der Nahverkehr bringt einen auch in regelmäßigen Abständen von A nach B. Nur die Wochenendplanung muss wohl überlegt sein, wenn das Angebot rar und die Infrastruktur nur mäßig ist.

Trotz den Vorurteilen, muss ich nach dem Jahr sagen, dass ich eines Besseren belehrt worden bin: Ich habe die Kulturarbeit in den Kommunen nicht verstaubt, provinziell oder weniger avanciert als in den Metropolen erlebt. Ich wünsche allen neuen Freiwilligen im FSJ Kultur ein genauso schönes Jahr, wie ich es hier in dem kleineren Städtchen verbringen durfte und wünsche mir, dass ein paar mehr FSJ Kultur-Interessierte den Mut haben „Landeier“ zu werden und die Vielfalt auf dem Land zu erleben.

 

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Text: Melissa M.
Bilder: privat