Einblick No. 28 // Alumni

18 Fragen an Felix Taschner
(Frei nach "99 Fragen an ..." von Moritz von Uslar)

Beim ersten Telefonat meinte er, ob es nicht ein bisschen selbstreferenziell sei, wenn er der BKJ (bundeszentraler Träger des FSJ Kultur) als ehemaliger Freiwilliger (vor zehn Jahren), ehemaliger Praktikant (vor neun Jahren) und als Mitarbeiter (brandaktuell) ein Interview geben würde. Solche Sätze sagt er. Und er sagt auch Sachen wie: „Was mir an dem FSJ Kultur so getaugt hat, ist, dass sowohl die Workshopleitenden wie auch die pädagogischen Begleitungen extrem authentisch waren. Das waren keine Sozialpädagogen, die mit uns fotografiert haben, um ein pädagogisches Lernziel zu vermitteln, sondern es waren Fotografen, die mit uns fotografiert haben, um zu fotografieren. Natürlich gab es eine übergeordnete Idee dahinter, aber ich fand es geil, dass die Leute so authentisch waren.“

Felix Taschner ist seit September Koordinator für das FSJ Kultur in Bayern. Davor hat er in Wien gelebt, studiert und gearbeitet (im Verlag, im Museum, an der Uni). Gelandet ist er dort, weil er (aufgewachsen in Rosenheim – schön, aber keine Metropole) nach dem FSJ Kultur eigentlich in die große Stadt wollte. Doch der Notendurchschnitt war nur nicht gut genug. So wurde es vorerst Regensburg und der Studiengang Vergleichende Kulturwissenschaft. Er ließ sich allerdings vom Namen irreführen, wie er sagt, denn das hatte dann eher wenig mit praktischen Kulturwissenschaften oder Kulturmanagement zu tun, gefiel ihm dann aber eigentlich noch besser. Woanders heißt der Studiengang Europäische Ethnologie oder noch Volkskunde. In Wien hat er dann unter anderem zum Thema europäische Fankultur im Fußball geforscht, und dann auch wieder aufgehört (der Spaß am Stadionbesuch kam abhanden). Er hat in einem Verlag geholfen schöne Bücher zu machen und in einem Museum kuratorisch gearbeitet. Eigentlich dachte er, er bliebe dort.

„Aber mir hat gefehlt, dass ich wenig mit den Leuten, die ins Museum gehen, zu tun hatte. Es ging für meinen Geschmack auch zu viel um Kulturpolitik und zu wenig um Inhalte. Es war dort gerade eine heiße Phase, es ging um einen Neubau. Irgendwie war mir das zu steil. Und ich hatte das Gefühl, ich möchte etwas mit Menschen machen, etwas, wo ich denke, hey, du tust was, das eine gesellschaftliche Relevanz hat. Ich hatte auch keine Lust mehr in Österreich zu leben, weil es da z. B. so Dinge [Anm. d. R. wie das FSJ Kultur] nicht gibt und auch gesellschaftliche Partizipation ganz anders läuft. Nicht, dass in Deutschland alles super ist, aber ich mochte nicht mehr in Wien leben. Außerdem finde ich es schön, dass man so viele verschiedene Dinge in seinem Leben machen kann. Das ist auch eine Sache, die ich gerne den Freiwilligen mitgeben will: Es heißt nicht, wenn du das und das studierst oder lernst, dass du danach das und das machen musst. Es gibt immer Optionen im Leben und man kann viele verschiedene Dinge tun.“

Und weil er schöne Sachen sagen kann, ist hier ein ganzes Interview mit ihm zu lesen. Auch wenn es als zu selbstreferenziell gesehen werden mag – so what – die Redaktion hat’s gerne gehört, abgetippt und gelesen!

1. Warum wurde es bei dir ein FSJ Kultur und kein FÖJ?

Also ich habe vor zehn Jahren mein FSJ Kultur gemacht und damals war das alles noch nicht so bekannt. Das waren auch noch die Zeiten, als es den Zivildienst gab. Ich habe ehrlich gesagt von einem FÖJ erst erfahren, als ich das FSJ Kultur gemacht habe. Ich war ein sogenannter Huckepack. Ich bin von meiner Einsatzstelle angeworben worden und habe nur deshalb das FSJ Kultur gemacht. Die haben mich dann tatsächlich ein bisschen überreden müssen.

2. Was war der aufregendste Moment in deinem FSJ Kultur?

Ich glaube das, was viele sagen: Die Seminare. Als ich auf das erste Seminar gefahren bin und dann diese ganzen Menschen auf einem Haufen gesehen haben. Das war für mich sehr aufregend. Und dann waren da lauter Leute mit ähnlichen Interessen. Das war wahnsinnig aufregend. Das Aufregende war gar kein Moment, es war mehr so ein Gefühl.

3. Beste Seminarwerkstatt in deinem Jahr?

Das war ein Fotoworkshop. Ich weiß nicht in welchem Seminar. Aber es war wärmer, also wird es das zweite oder dritte gewesen sein. Das war total toll. Am Anfang haben wir viel über Fotogeschichte und was Fotografie überhaupt ist erfahren und dann mit einem ganz tollen Workshopleiter sehr intensiv gearbeitet. Das war echt super.

Ich habe dann auch als eigenverantwortliches Projekt eine Fotoausstellung gemacht, mit einer anderen Freiwilligen, die bei mir in der Nähe in einer Einsatzstelle war. Wir haben eine Modestrecke fotografiert. Ein bisschen schräg

4. Gab es bei deinem ersten Seminar als Koordinator ein Déjà-vus?

Déjà-vus ist eigentlich noch untertrieben. Es hat sich natürlich ein bisschen was in den Abläufen geändert, aber es ist noch sehr vieles so, wie es zu meiner Zeit war. Die Konzeption, die dahinter steht, was man den Freiwilligen mitgeben will, das ist nicht viel anders als bei mir vor zehn Jahren und das finde ich sehr schön. Das war auch ein Grund, weshalb ich mir vorstellen konnte im FSJ Kultur zu arbeiten. Weil ich es auch im Nachhinein sehr schlau finde, was da mit uns von Seiten der pädagogischen Begleitung gemacht wurde und wie es mit uns gemacht wurde. Durch die Erfahrungen als ehemaliger Freiwilliger hab ich mich auch ein bisschen sicherer bei dem neuen Job gefühlt.

5. Was unterscheidet die Freiwilligen heute von deiner Generation?

Boah, das sind immer diese Generationenfragen. Ich tu mich total schwer, mich selbst vor zehn Jahren vorzustellen. Ich habe ein Bild von mir, wie ich damals war, aber ich glaube, ich war wahrscheinlich doch ganz anders. Die aktuellen Freiwilligen in Bayern sind durch das achtjährige Gymnasium auf jeden Fall meist bisschen jünger als ich damals. Sie sind aber noch genauso planlos, wie wir damals.

Ich nehme aber ein verstärktes Sicherheitsbedürfnis wahr. Es sind weniger Freiwillige dabei, die sagen, ich mach danach irgendwas total „Perspektivloses“, worauf ich aber wahnsinnig Lust habe. Vielleicht sind sie aber auch nur vernünftiger. Und was natürlich wirklich anders ist, dass tatsächlich alle Freiwilligen Freiwillige sind. Ich habe das FSJ als Zivildienst gemacht, d.h. ich hab es unter einem gewissen Zwang gemacht. Ich hab es gerne gemacht, aber man merkt an der Motivation auf den jetzigen Seminaren total, dass alle wirklich freiwillig da sind.

6. Drei Dinge, die du ohne das FSJ Kultur nicht gemacht hättest?

Mein Studium hätte ich nicht gemacht, glaub ich.
Ich glaub, ich hätte auch nicht weiter fotografiert.
Und ich würde keine Hörspiele hören. Da wurde ich angefixt.

7. Hast du noch Kontakt zu deiner Einsatzstelle?

Nein, aber ich werde den Kontakt jetzt wieder aufnehmen. Die Stadtbibliothek Rosenheim ist Einsatzstelle der ersten Stunde in Bayern und sehr bewährt. Ich war jetzt zehn Jahre weg, erst in Regensburg und dann in Wien und jetzt werde ich mal wieder vorbeischauen.

8. Was wird man nach einem FSJ Kultur nicht mehr los?

Was ich nicht mehr losgeworden bin, ist so eine schwer zu beschreibende Einstellung, ein Blick auf die Welt. Also die Dinge, die mir dort vermittelt worden sind, so wie – das klingt jetzt so platt – Offenheit im Kopf; Offenheit gegenüber Neuem und Anderem. Das bin ich nicht mehr losgeworden und das hat sich in meinem Studium dann noch weiter ausgeprägt. Im FSJ Kultur wurde dazu die Basis gelegt. Eine Perspektive auf der Welt, ein Zugang zur Gesellschaft.

9. Das Alumni Dings – die Flüsterpost. Was hältst du davon?

Finde ich super, weil ich meinen Job dadurch gefunden habe. Ich flieg immer drüber, wenn sie kommt. Ich finde schön, dass es sie gibt und sie erinnert mich immer an mein FSJ. Und als ich eine neue Arbeit gesucht habe, habe ich eben auch diese Stellenanzeigen gelesen und habe dort die Ausschreibung der BAG (Anm. d. R. Die BAG Spielmobile ist der Landesträger des FSJ Kultur in Bayern] gefunden. Ich hab dann sehr schnell eine Bewerbung dorthin geschickt, weil die Frist sehr knapp war. Als die Bewerbung war, hab ich angefangen zu reflektieren: Wie wäre das eigentlich, wenn das klappt? Denn ich hab meine berufliche Zukunft eher im Museum gesehen. Und dann bin ich beim Nachdenken draufgekommen, dass das schon eine coole Sache wäre, dort zu arbeiten, weil da viele Dinge zusammenkommen, die mir wichtig sind und die ich gerne mache und die ich auch gesellschaftlich wichtig finde und letztendlich hat es gottseidank geklappt.

10. Die BKJ – was fällt dir dazu ein?

Bollywood, nette, wahnsinnig engagierte Menschen und Fleischsalat mit Jens essen

Suchbild: Felix inmitten seiner ersten Seminargruppe.

11. Wienerisch oder oberbayrisch?

Das ist situativ. Aber grundsätzlich würde ich nicht das Wienerische vorziehen. Ich bin ja eigentlich in Franken geboren und dann nach Oberbayern gekommen und dann in Wien gewesen und ich weiß, dass man mir das nun anhört. Aber das passiert nach sechs Jahren halt. Vor allem wenn ich fluche, da bricht es noch mehr durch.

12. Kino oder Buch?

Buch. Beides. Aber Buch. Ich liebe Bücher. Vor allem auch, wenn sie nicht nur einen schönen Inhalt haben, sondern wenn sie auch schön aussehen. Ich habe auch drei Jahre bei einem Verlag gearbeitet und da habe ich gelernt, wie wichtig schöne Bücher sind.

13. Schnitzel oder Weißwurst?

Weißwurscht.

14. Was in Wien vermisst du jetzt schon am meisten?

Die Leute dort. Die Freundschaften, die sich dort entwickelt haben. Wo man Zuhause ist, ist nur bedingt vom Ort abhängig, es steht und fällt mit den Leuten. Und an die denk ich am meisten und die fehlen. Ich vermisse sie noch nicht konkret, aber das kommt noch. So lang bin ich ja noch nicht weg.

15. Welche Kultur würdest du dein Zuhause nennen?

Ich kann sagen, welchen Ort oder welche Umgebung ich jetzt mein Zuhause nennen würde, das ist Oberbayern. Aber die Frage packt mich jetzt natürlich als Kulturwissenschaftler, ob ich mich in dieser Kultur Zuhause fühle. Das fände ich eine problematische Aussage, die ich so nicht treffen würde. Wenn ich was sagen muss: In verschiedenen.

16. Bestes Lied von Münchner Freiheit?

Boah ne! Gar nichts.

17. Drei Bücher für die Ewigkeit?

Ich weiß nicht, ob ich drei schaffe. Christian Kracht „1979“ finde ich ein wahnsinnig tolles Buch. Von dem les ich sehr viel und sehr gerne, weil der eine wahnsinnig schöne Sprache hat. Und das ist eigentlich mein Lieblingsbuch.

18. 3 Dinge, die du im nächsten Jahr gemacht/erlebt haben möchtest?

Ja, ich möchte alle Einsatzstellen besucht haben. Das ist mein Ziel. Ich möchte vier gute Seminare gehabt haben ohne Verletzungen und mit einer guten Stimmung und ich möchte mich nach dem Jahr auf die nächste Seminargruppe freuen. Was jetzt eher negativ klingt, aber nicht so gemeint ist. Ich möchte den nächsten Jahrgang neu und unverbraucht aufnehmen können.

Wer Felix Taschner als Koodinator erleben möchte und noch keine 26 Jahre alt ist, der kann sich vom 01. Januar bis 31. März 2015 für ein FSJ Kultur im Norden von Bayern bewerben. Wer Lust auf ein FSJ Kultur hat, auch ohne Felix, kann sich in diesem Zeitraum auch in allen anderen Bundesländern bewerben. Mehr Informationen unter http://fsjkultur.de/bewerbung-fwd.html

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Text: Felix Taschner, jf
Bilder: privat