Einblick No. 39 // Freiwillige

Elisas Leer-Stück

Seit September macht Elisa ihr FSJ Kultur am Theater in Eisleben. Es ist nicht nur ein Bildungsjahr mit viel Theater für sie, sondern auch ein Engagementjahr im Projekt „Dehnungsfuge“. Ein Projekt, dass sich mit dem Leerstand vieler Gebäude auf dem Land beschäftigt und vor allem Jugendliche, Migranten/-innen und geflüchtete Menschen begeistern möchte, diese zu besetzen und kulturell zu nutzen.

Elisa erzählt, dass Mitte Oktober viele geflüchtete Menschen in Eisleben angekommen sind. Und sie. Obwohl sie schon seit dem 1. September in Eisleben ihr FSJ Kultur macht, ist sie nun von Halle nach Eisleben gezogen. Die Fahrtzeit fraß zu viel Zeit. Die Eltern zahlen die Möbel. Von ihrem Taschengeld kann sie die Miete der Wohnung bezahlen, die vorher leer stand. Da habe sie gedacht: „Ne erste eigene Wohnung ist cool!“ Zudem ist es schöner in der Stadt zu leben, in der man arbeitet, meint sie. „Dass es eben nicht nur mein Arbeitsort, sondern auch mein Lebensort ist und ich jetzt sagen kann, ich komme aus Eisleben.“

Frisch in Eisleben

Ob die geflüchteten Menschen, die im Oktober in Eisleben angekommen sind, dies irgendwann auch sagen werden? Es gibt riesige Bedenken bei den Einwohnern und Einwohnerinnen, meint Elisa. Trotz des Leerstandes, trotz der Überalterung. Oder gerade deswegen. „Wenn ich um acht abends raus gehe, dann sehe ich vielleicht zwei Autos und einen Menschen. Ab und zu sieht man auch junge Leute. Das sind dann Schüler und Schülerinnen. Aber hauptsächlich nur ältere Herrschaften.“ Sich um die Bedenken der Menschen in Eisleben zu kümmern, ist ein Teil von Elisas Aufgaben im kommenden Jahr. In ihrem FSJ Kultur am Theater Eisleben, ist sie mit der Hälfte ihrer Zeit im Projekt „Dehnungsfuge“ engagiert. Es ist ein Projekt gegen Rechtsextremismus. (Mehr Infos zur „Dehnungsfuge“ weiter unten)Elisa sagt: „Es ist Teil meiner Arbeit. Geflüchtete ansprechen und in die Dehnungsfuge reinzuholen.“ Eine andere Aufgabe des fünfjährigen Projektes ist es, Jugendliche zu finden, die ein leerstehendes Gebäude oder eine Brache nutzen und kulturell bespielen wollen.

Beworben hatte sich Elisa für ein FSJ Kultur. Von der „Dehnungsfuge“ hat sie erst an ihrem ersten Tag im Theater Eisleben erfahren. „.Am 1. 9 habe ich dann hier angefangen und habe einen Packen Blätter in die Hand gedrückt bekommen. Übrigens, das ist die ‚Dehnungsfuge‘. Das wird dein Aufgabenbereich sein.“ Sie findet die „Dehnungsfuge“ spannend, sie sieht aber auch, dass das Projekt absolut am Anfang steht. „Wir müssen erstmal viel organisieren, bevor wir richtig kreativ werden können. Aber ich freue mich schon jetzt.“

Mit Theater in die „Dehnungsfuge“

Der erste Schritt ist die Kontaktaufnahme zu den Jugendlichen und den geflüchteten Menschen. Das braucht Zeit, sagt sie. Die Jugendlichen sollen über ein Klassenzimmerstück ins Boot geholt werden. In dem Theaterstück, das in Schulklassen aufgeführt wird, geht es darum, dass eine Bande ein leeres Haus besetzt. Diese Mädchenbande nennt ihr Haus „Das Nest“. „Zur Begleitung wollen wir Flyer in die Klassen geben, auf denen aufgefordert wird, sich zu überlegen: So stelle ich mir mein Nest vor. Auf Facebook soll es dann die Möglichkeit geben sich zu beteiligen und dann gibt es noch mehrere Veranstaltungen, auch über Facebook.“ Es soll zum Beispiel eine Schnitzeljagd geben. Elisa möchte dafür Bilder von leerstehenden Häusern in Eisleben auf Facebook posten. Die Jugendlichen sollen die Gebäude finden und Selfies mit den leerstehenden Häusern machen und auch posten und kommentieren.

Das sind die ersten Ideen und gleichzeitig ist es die größte Herausforderung: Eine Kerngruppe von Jugendlichen zu finden. Dazu meint Elisa: „Es sollte auch jetzt nichts überstürzt werden, damit es nachhaltig sein kann.“ Sie hat sich damit abgefunden, dass vermutlich erst ihr/-e Nachfolger/-in damit beginnen kann ein Haus zu besetzen und zu bespielen.

Es ist ein fröhlich motivierter Blick auf Eisleben, auf das eigene FSJ Kultur und die Dehnungsfuge, den Elisa verbreitet. Es wird ein Stück Arbeit. Aber es wird schön. Da ist sie sich sicher.

   

Über die „Dehnungsfuge“ im Gespräch mit Projektleiter Torsten Sowada:

Was sind die Fakten zur Dehnungsfuge?

Die Dehnungsfuge ist ein Bundesmodellprojekt im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“. Es geht darum, Leerstand im ländlichen Raum kreativ zu füllen. Die einzelnen jugendlichen Kerngruppen sollen leerstehende Gebäude legal besetzen und Nutzungsideen dafür entwickeln. Das Projekt zielt explizit auch auf Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete ab. Es geht vor allem darum selbstbestimmte Teilhabe der Jugendlichen zu ermöglichen und im ländlichen Raum aktive und kreative Zeichen gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu setzen.

Wer ist alles dabei?

Die LKJ Sachsen-Anhalt hat regionale Partner/-innen in vier verschiedenen Bundesländern gefunden. Die Bundesländer sind Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

In jedem Bundesland gibt es auch wieder lokale Partner/-innen, welche z. B. Theater im ländlichen Raum sind.

Wieviel Geld gibt es für das Programm?

Es gibt 800.000 Euro für fünf Jahre Projektlaufzeit. Dies sind Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“, des Landes Sachsen-Anhalt, Stiftungen und Eigenmittel der Kooperationspartner.

Was sind die Schwierigkeiten?

Die „Dehnungsfuge“ ist ein komplexes Geflecht auf vielen Ebenen. Unter anderem der Kommunalpolitik, der Vereine vor Ort, der unterschiedlichen Interessenlagen der Jugendlichen, Eigentumsverhältnissen usw. Das ist eine Schwierigkeit. Die andere ist, dass die Geschwindigkeit der einzelnen Partner/-innen sehr unterschiedlich ist.

Das Projekt ist im März gestartet. Jetzt ist Oktober. Was ist passiert?

Wir sind viele Partner und befinden uns teilweise noch in den Zusammenfindungsprozessen. Es ist daher nicht immer leicht für alle beteiligten Partner vor Ort, eine verbindliche zu planen. Bisher gab es bereits mehrtägige Austauschtreffen, einzelne Aktionen wie z. B. Flashmobs, Theateraufführungen und Lesungen.

Was sind die nächsten Schritte?

Die lokalen Partner/-innen müssen sich etablieren, um die Jugendlichen zu erreichen. Wir sind in der Phase der Verankerung. Außerdem müssen die Projekte bekannt gemacht werden. Die begleitenden Bildungsangebote für die Jugendliche und die Vernetzungstreffen der Standorte, die im nächsten Jahr starten, werden vorbereitet.

 

Mehr zur „Dehnungsfuge“ unter: www.dehnungsfuge.com

 

Text: jf
Bilder: Elisa, privat