Einblick No. 40 // Alumni

Bild: © Moussa Hakal

FSJ Kultur 2009/2010
Jugendkunstschule Heidelberg

Mein FSJ Kultur – Eine Bilanz

In meinem letzten Schuljahr wusste ich ziemlich genau, dass ich vor dem Studium noch „was anderes“ machen und dafür am besten auch erst mal ein bisschen weg von daheim gehen will. 2009 zog ich also nach Heidelberg, gab mein Taschengeld komplett für Miete aus und suchte nach mir selbst. Heute, mehr als 6 Jahre später hab ich manchmal immer noch kleinere Anfälle von Hoffnungs- und Ahnungslosigkeit. Doch ich weiß jetzt auch, dass das schon alles irgendwie wird… und das nicht zuletzt wegen meines FSJ Kultur.

Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, für welches Studium du dich entscheidest.
Die wichtigste Erkenntnis in diesem Jahr war wohl folgende: Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, für welches Studium du dich entscheidest. Die Menschen, die ich während meines FSJ kennenlernte und die an Stellen arbeiteten, von denen ich nicht zu träumen wagte, hatten kunterbunte Biografien und Karrieren.

Ich – die nie wusste, was sie studieren sollte – war beruhigt und nutzte den Anstoß, anschließend ganz praxisfern vor mich hinzustudieren.

Das FSJ hat allerdings nicht nur durch dieses „Blaupausen“-Jahr mein Leben verändert. Es waren vor allem die Menschen, die ich kennengelernt habe, die ganz oft die gleichen Fragen an das Leben formuliert haben wie ich. Auch heute noch ist da sofort ein verschwörerischer Blick, wenn sich irgendwo jemand als FSJ Kulturler/-in „outet“. Und beide wissen — egal welche Einsatzstelle oder welches Bundesland — ein bisschen ticken wir gleich. Und natürlich zögere ich nicht, auch mal jemanden aus dem Alumni-Netzwerk bei mir couchsurfen zu lassen, wenn er ein Vorsprechen an der Schauspielschule hat. Besonders während des Bachelor-Studiums in der Kleinstadt ist es großartig, immer mal die FSJ-Freundinnen zu besuchen, die im ganzen Land studieren oder eine Ausbildung machen und genauso für Klausuren büffeln, Ersti-Partys peinlich finden oder sich auf die Suche nach dem coolsten Flohmarkt begeben wollen. Erst haben wir als Alumni-Jahrgang so eine Karte angelegt, sozusagen ein internes Couchsurfing. Aber Facebook und Co sei Dank war das gar nicht nötig, denn man hat eigentlich immer ein Gefühl, wo die Leute gerade so sind, welche Städte in Deutschland oder im Ausland gerade von wem besetzt sind und wo man vielleicht mal einen Schlafplatz anfragen könnte oder einen JSTOR*-Zugang, wenn die Hausarbeit im Nacken sitzt.

Ich realisierte, dass das schon fast verdrängte FSJ mir eigentlich viel mehr beigebracht hatte, als mir bisher klar war.
Als es nahe dem Ende des Bachelors darum ging, wo es denn beruflich mal hingehen soll, realisierte ich, dass das schon fast verdrängte FSJ mir eigentlich viel mehr beigebracht hatte, als mir bisher klar war. Überhaupt habe ich die absolute Pragmatik, mit der ich im FSJ oft konfrontiert war und die sicherlich in den meisten kleineren Kulturbetrieben Alltag ist, schon oft schätzen gelernt.

Auch wenn die GenY-Diskussion in der Wirtschaft eine elitäre Angelegenheit ist (ähnlich wie die Kulturbranche selbst oft genug), zähle ich mich zu dieser Generation mit einem idealistischen Weltbild und dem Anspruch, etwas (im Kleinen) zu verändern. Weil mir das in der Kultur manchmal zu indirekt ist, bin ich 2013 bei youvo.org eingestiegen — einer Online-Plattform die junge Kreative mit sozialen Organisationen zusammenbringt, die Hilfe bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit brauchen. Ein ehemaliger Mit-FSJler studierte an der Universität der Künste in Berlin und seine Kommilitoninnen und Kommilitonen gründeten youvo als Praxisprojekt. Als Verantwortliche für unsere Community führe ich zahlreiche Gespräche mit kreativen Köpfen, die sich gern mit ihren Fähigkeiten ehrenamtlich für spannende Projekte einbringen wollen und berate soziale Organisationen. So habe ich irgendwie versehentlich genau meine Nische gefunden: Die Verbindung zwischen Kultur, digitaler Welt und sozialem Sektor. Und da fühle ich mich gerade richtig wohl.

*Online-Portal für wissenschaftliche Artikel, das über universitätsinterne Lizenzen zugänglich ist

Bilder: © Moussa Hakal
Text: Anne-Sophie