Eine erfahrungsreiche Zeit

Die 21-jährige Lisa aus der Ukraine hat von September 2014 bis August 2015 ein FSJ Kultur in Erlangen gemacht. Dieses Jahr beleuchten wir aus 3 Perspektiven, aus der Sicht:

  • der Freiwilligen selbst,
  • ihrer Einsatzstelle, des Abenteuerspielplatzes Brucker Lache,
  • des Trägers BAG Spielmobile e. V., der dieses Jahr begleitet und die Seminare für die Freiwillige veranstaltet hat.

Die Interviews führte Eva Sambale vom Spielmobile e. V. - Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG)

Interview mit Lisa (Yelyzaveta Shkarupa), 21 Jahre, Ukrainerin,
Freiwillige 2014/15 am Abenteuerspielplatz Brucker Lache in Erlangen

Warum hast du dich für ein FSJ Kultur in Deutschland entschieden?

Ich habe an der Universität in der Ukraine Deutsch und Englisch studiert und dort vom FSJ gehört. Im Internet habe ich näheres recherchiert und mich bundesweit im FSJ Kultur bei einigen Einrichtungen beworben. Ich wollte eine Pause machen und hatte noch keine beruflichen Pläne.

Du hast am Abenteuerspielplatz viel mit Kindern und Gruppen gespielt, gebastelt und gebaut und auch ein eigenes Projekt durchgeführt.

Ja, mein Projekt heißt „So verstehen wir die Welt“. Dabei habe ich Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren Aufgaben gegeben und mich mit ihnen unterhalten, um herauszufinden, wie es im Kopf von Kindern aussieht, wie sie die Welt begreifen. Die Ergebnisse werden in Kürze als Ausstellung am Abenteuerspielplatz zu sehen sein.

Was war für dich an diesem Jahr besonders?

Ich habe noch nie mit Kindern gearbeitet - nur mit meinem kleinen Bruder gespielt - und jetzt darf ich das beruflich machen!
Die Seminare finde ich toll, ich habe viele andere Freiwillige kennen gelernt und finde es sehr interessant mitzubekommen, welche unterschiedliche Arbeit diese machen. Auch das Seminarprogramm und die Workshops haben mir sehr gut gefallen.

Was kannst du von deinem FSJ Kultur hier in Deutschland für dich mitnehmen?

Ich habe gelernt, wie man Zugang zu anderen Leuten bekommt und wie man vorsichtig mit Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten umgeht.
Ich habe gelernt, wie Arbeit im Team funktioniert.
Und ich habe mich persönlich, als Mensch weiterentwickelt. Es war eine sehr erfahrungsreiche Zeit!

Was war für dich schwierig oder merkwürdig?

Am Anfang war es mit dem Deutsch schwierig, ich war unsicher, wenn ich z. B. Jugendliche am Platz nicht verstanden habe; mittlerweile haben auch die Jugendlichen mehr Respekt vor mir.
Alles in Deutschland ist anders! Die Mentalität hier ist anders, die Regeln sind anders, da habe ich mit der Zeit viel gelernt; beispielsweise ist Fahrradfahren in der Ukraine nicht so üblich wie hier in Erlangen; das regionale Essen hier ist anders….
Ich lerne, wie ich Dinge machen möchte, manche so wie hier, manche wie in der Ukraine. Das ist interessant!
Deutschland ist ein Land voller Ideen, ich habe hier viele Ideen gesammelt, kleine Dinge hier sind toll, wie z. B. Kleidertauschbörsen und foodsharing

Was hast du nach dem FSJ Kultur vor und inwiefern hat dich dieses Jahr dabei beeinflusst?

Ich werde für einige Jahre in die Ukraine gehen, denn ich habe gemerkt, dass ich Sehnsucht nach der Ukraine habe. Ich will dort am Freiwilligenprogramm WWOOF (working on organic farms) teilnehmen, denn ich habe den Wunsch noch mehr auszuprobieren. Dies ist mir durch mein FSJ Kultur in Deutschland klar geworden. In der Zeit werde ich dann sehen, was ich weiter beruflich machen will.

Mehr von Lisa gibt es hier zu lesen: Einblick No. 36

Interview mit Petra Polimeno, Leiterin des Abenteuerspielplatzes Brucker Lache, eine Einrichtung der Stadt Erlangen

Ihr habt schon seit mehreren Jahren Freiwillige im FSJ Kultur. Nun hattet ihr mit Lisa zum ersten Mal eine Freiwillige aus einem anderen Land. Was war an Lisas FSJ Kultur für euch besonders?

Wenn man mal von den ganzen Schwierigkeiten bei der Vorbereitung absieht, kann ich eigentlich nur sagen, dass alle Freiwilligen unterschiedlich sind. Ich stelle mich sowieso jedes Jahr auf einen neuen Menschen ein.
Sprachlich war Lisa schon von Anfang an recht fit, allerdings musste ich mir angewöhnen, deutlich und klar und etwas langsamer zu reden und sie dabei anzusehen. Aber das finde ich positiv, dabei habe auch ich gelernt.

Was war denn in der Vorbereitung und überhaupt in dem Jahr für dich schwierig?

Bei dem Bewerbungsgespräch via skype waren wir sofort von Lisa angetan und haben uns dann sehr bemüht, um all die Hindernisse zu meistern: Wir haben eine Zeitungsannonce geschaltet, auf die sich eine Familie gemeldet hat, die bereit war Lisa kostenfrei aufzunehmen. Damit Lisa ihr Visum bekommt, haben wir viele Formalitäten erledigt und `zig Telefonate geführt und Mails geschrieben. Lange war es unklar, ob das wirklich klappt. Das war ja für uns auch alles neu! Außerdem haben wir uns um eine Finanzierung für Lisas Flugkosten gekümmert. Diese ganze Vorbereitung war sehr stressig!
Mit Lisa selbst lief es dann sehr gut, das war leichter als mit manch einer der früheren Freiwilligen.

Was war für dich und für den Abenteuerspielplatz an Lisas FSJ Kultur bereichernd?

Lisa passt mit ihrer Naturverbundenheit und ihrer Kreativität einfach sehr gut auf unseren Abenteuerspielplatz. Sie hat viel Kultur aus der Ukraine hier eingebracht, Basteleien, Essen und Spiele. Da unser Platz von vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen besucht wird, waren Lisas Angebote sehr bereichernd.
Eine Zeitlang kam eine Familie aus der Ostukraine häufiger zu uns. Dank Lisas Sprachkenntnissen konnten wir zu ihnen einen richtig guten Kontakt aufbauen, was uns ohne Lisa nicht gelungen wäre.

Wie empfindest du das FSJ Kultur von Lisa jetzt, wo es zu Ende geht?

Ich könnte weinen, dass sie bald geht. Ich werde mit ihr Kontakt halten und sie höchstwahrscheinlich in der Ukraine besuchen. Lisa war auch für mich bereichernd, ich habe von ihr viel erfahren. - Ihr selbst hat das Jahr auch viel gebracht.
Wir nehmen auch im nächsten Jahr wieder eine Freiwillige, diesmal aus Ecuador. Wir haben sie noch nicht kennengelernt, aber ich gehe davon aus, dass Menschen, die für ein FSJ in ein anderes Land gehen, neugierig und offen sind und das ist für mich die wichtigste Voraussetzung.
Schließlich ist eine Freiwillige für uns eine wertvolle Unterstützung. Sie soll und darf nicht eine Arbeitskraft ersetzen!

Interview mit Felix Taschner, bei der BAG Spielmobile für die Seminargruppe Nord zuständig

Du hast in diesem Jahr zwei Incoming-Freiwillige im FSJ Kultur begleitet, Lisa aus der Ukraine und Francisco aus Nicaragua. Beide sind für dieses eine Jahr nach Deutschland gekommen und haben bei zwei Abenteuerspielplätzen in Erlangen ihr FSJ Kultur gemacht.

Wie hast du das FSJ Kultur von Lisa und Francisco und die Seminare mit diesen beiden erlebt?

Es war toll, zwei Leute mit einem komplett anderen kulturellen Hintergrund in der Seminargruppe zu haben. Die beiden haben ihren Background toll in die Seminargruppe eingebracht, z. B. hat Lisa an einem Abend von sich aus russische und ukrainische Gedichte rezitiert und Francisco hat in einem Kunstworkshop in eindrucksvoller Weise die Geschichte der Kolonialisierung Nicaraguas gezeichnet. Die Gruppe hat die beiden neugierig und offen aufgenommen. Die Freiwilligen aus Nicaragua und der Ukraine hatten genauso ihren Platz, wie der Skateboarder, die Metallerin, der Diplomatensohn und der bayrische Vizemeister im Fingerboard. Ich habe diese Diversität als sehr bereichernd empfunden. Und ich denke, auch die Gruppe hat das so wahrgenommen.
Ich habe den kulturellen Hintergrund der beiden in den Seminaren absichtlich nicht gesondert thematisiert. Schließlich sind alle anders und gleichzeitig normal.

Was war für dich dabei schwierig?

Vor allem Francisco hatte beim 1. Seminar noch recht große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Er hat sich dann sehr reingehängt und es war schön zu sehen, wie er sich von Seminar zu Seminar besser ausdrücken und verständigen konnte. Lisa sprach bereits zu Beginn ziemlich gut Deutsch; sie hatte das ja studiert. Francisco hat mir übrigens erzählt, was ihm beim Deutschlernen geholfen hat: die Kinder des Abenteuerspielplatzes, weil sie so direkt auf ihn zugegangen sind und ihn eingebunden haben.
Als Seminarleiter war es für mich ungewohnt, von zwei Menschen aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nicht genau zu wissen, wieviel sie verstehen. Der Umgang damit war für mich eine Herausforderung und ich habe dadurch meine eigene Arbeit hinterfragt: Sind unsere Seminarinhalte und -methoden so geeignet und für wen? Das steht und fällt derzeit einfach mit den Sprachkenntnissen! Hier werden wir das FSJ Kultur im Sinne der Inklusion zukünftig noch weiter entwickeln.

Wenn du das FSJ Kultur von Lisa und Francisco insgesamt betrachtest, was findest du bemerkenswert?

Das Engagement der Einsatzstellen im Vorfeld und bei der Begleitung der Freiwilligen ist auf alle Fälle bemerkenswert! Es braucht wirklich großen Einsatz und viele Ressourcen, um die Rahmenbedingungen eines solchen Freiwilligendienstes für Incomer zu schaffen. Den Leuten in den Einsatzstellen möchte ich für ihr Engagement danken und auch für ihren tollen und komplett vorurteilsfreien Umgang mit den Freiwilligen.
Und natürlich sind der Mut, die Ausdauer und das Engagement der beiden jungen Menschen, die sich auf dieses Jahr in einem anderen Land und in einem völlig neuen Umfeld eingelassen haben beeindruckend! Ihr FSJ Kultur war für alle bereichernd - für die beiden Freiwilligen selbst, für die Einsatzstellen, für die anderen Freiwilligen, für mich und für das FSJ Kultur insgesamt.

 

Dieser Beitrag ist in der Spielmobilszene No. 39, 2. Halbjahr 2015 erschienen. Sie begreift sich als Fachorgan der Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile und für Menschen, die in spielkulturellen Einrichtungen arbeiten. Sie erscheint zweimal jährlich.

Text/Interview: Eva Sambale
Bilder:  Spielmobile e. V. - BAG

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