Einblick No. 47 // Alumni

„WAS BRINGEN WIR JETZT AUF DIE BÜHNE?“
VON HÖHEN UND TIEFEN DES „EIGENEN PROJEKTS“

IM GESPRÄCH MIT DIRK NEUGEBAUER

Im Rahmen seines FSJ Kultur bei der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit Bildung Kultur NRW (LAG) erhielt Dirk Neugebauer den Impuls, das erste Mal ein eigenes Musical auf die Beine zu stellen. Mittlerweile erarbeiten seine Freunde und er jedes Jahr ein neues. Im Interview erzählt er von den Anfängen und wie es seiner Meinung nach um Möglichkeiten für Jugendliche bestellt ist, ein künstlerisches Projekt zu realisieren.

Wie ist die Idee zu Deinem Projekt entstanden? Worum ging es Dir dabei vor allem?

Der eigentliche Funke ist auf einer der größeren Japan- Manga-Anime-Conventions in Bremen, der „Connichi“, übergesprungen. Dort gab es eine Showgruppe mit einem ähnlichen Konzept – nur ohne Fokus auf Musical. Die Idee, ein Musical eigenständig umzusetzen, ist meinem eigenen Interesse zu verschulden: Musicals waren für mich einfach schon immer das Größte. Nur wie stemmt man ohne irgendwelche Vorerfahrung so ein Projekt? Da kam mir die Unterstützung der LAG Arbeit Bildung Kultur NRW für ein eigenständiges Projekt im Rahmen meines FSJ Kultur zugute. Zu Beginn ging es mir vor allem darum, mit Freunden und Leuten, die ich im Laufe der ersten Monate angeworben hatte, ein Stück zu schreiben, Tänze zu entwerfen, Schauspielen zu üben und natürlich unsere
eigenen Cosplays und Requisiten zu bauen/nähen. Das Ganze auch noch aufzuführen, wirkte fast noch etwas unwirklich, war aber auch unser Ziel.

Wie konntest Du die Idee dann in die Tat umsetzen? Was war wichtig, was war schwierig? Wie hast Du die Unterstützung/Begleitung durch die LAG Arbeit Bildung Kultur NRW erlebt?

Alles fing erst einmal damit an, dass ich Leute brauchte. Ich wusste, dass einige meiner Freunde Interesse an dem Projekt hatten, aber ein paar mehr waren schon nötig. Also habe ich vor allem über die mir zur Verfügung stehenden Online-Plattformen nach Leuten gesucht. Das erste Script schrieb sich mit den Ideen, die wir hatten, dann fast von selbst. Schwierigkeiten gab es dennoch zuhauf: Wie schauspielt man überhaupt? Wie baut sich eine Szene auf? Körperspannung beim Tanzen? Keiner von uns hatte irgendwelche Theatererfahrung – wir
haben einfach gemacht, was durchaus sehr lustig war. Wenn Probleme aufgetaucht sind und wir sie auch als solche wahrgenommen haben, konnte ich meine Fragen und Sorgen immer zur LAG mitnehmen und mir Ratschläge und Tipps abholen. Die LAG hat uns auch finanziell bei der Miete für Probenräume und den Kostümen unterstützt. In späteren Projekten vermittelte sie uns Referent/innen, die uns das notwendige
Wissen in Tanz, Schauspiel und Gesang beibringen konnten, und half uns auch dort bei der Finanzierung.

Was war der schwierigste Moment und was der schönste?

Ich leite das Projekt jetzt seit sechs Jahren und die schwierigen und die schönsten Momente wiederholen sich jedes Jahr aufs Neue. Einmal im Jahr gibt es einen emotionalen Tiefpunkt, der durchaus verschiedene Gründe hat, aber immer wieder auftaucht. Man hat beispielsweise die Szenen schon zu oft geübt und langweilt sich, der erste Auftritt ist aber noch in weiter Ferne. Auch rein zwischenmenschlich besteht großes
Reibungspotenzial. Da die Gruppe größtenteils aus Freunden besteht, kommt man einfach gar nicht mehr voneinander los. Jeder Krach zieht sich durch beide Bereiche des Lebens – privat und Gruppe. Diese beiden Bereiche als getrennt wahrzunehmen, hat einige Zeit gedauert und ist nach wie vor nicht immer leicht. Gleichzeitig sind die Problempunkte aber auch Gründe für die schönsten Momente. Ich freue mich auf die
Proben, einfach um die Personen zu treffen, mit denen ich an unserem gemeinsamen Projekt weiterarbeiten kann und die gleichzeitig auch meine Freunde sind. Weitere Highlights und gleichzeitig immer wieder Spannungspunkte sind die ersten Auftritte, wenn Lampenfieber und Vorfreude sich die Waage halten. Oder auch der Zeitpunkt, wenn wir uns zwischen zwei oder drei neuen Skripten entscheiden müssen, was das nächste Projekt wird.

Wie hat es sich angefühlt, als das Musical auf die Bühne kam?

Damals war ich unglaublich aufgeregt und ein bisschen stolz vorzuführen, was wir in neun Monaten Arbeit gezimmert hatten. Wir sind in einem größeren Raum eines Jugendvereins aufgetreten. Da gab es keine Bühne, kein Licht, keine Tontechnik. Wir haben einfach Baustrahler und Buntlichter geliehen, eine Kabeltrommel ausgerollt und Soundboxen an die Seite gestellt. Das Stück wurde noch ein zweites Mal auf einer kleineren Convention in Solingen aufgeführt, der „Yukon“ (ehemals „Runeko“). Dort treten wir seitdem jedes Jahr auf.
Wenn ich jetzt an diese Auftritte denke, kann ich nur amüsiert mit dem Kopf schütteln. Wahrscheinlich hat niemand so ganz verstanden, was unsere Story überhaupt vermitteln wollte und worum es ging. Damit meine ich durchaus auch, dass – wörtlich – niemand ab der Mitte der Sitzreihen uns überhaupt verstanden hatte. Das erste Stück haben wir daher recht schnell abgehakt und gesagt: „Das können wir besser!“ Seitdem steigern wir uns jedes Jahr und verstehen mittlerweile mehr von dem, was wir tun.

Hast Du vor, weitere Projekte in dieser Richtung zu realisieren?

Ich kann mir schwer vorstellen, jemals damit aufzuhören. Es gibt für mich einfach nichts Großartigeres, als ein Musical
selbst zu schreiben, zu proben und dann aufzuführen und dabei mit Menschen zusammenzuarbeiten, die mir viel bedeuten. Das Ganze hängt natürlich an einigen Fragen: Bekommen wir zum nächsten Jahr unsere Finanzierung bewilligt und könnte ich es bei einer Absage noch umsetzen? Was bringen wir als Nächstes auf die Bühne und wo treten wir auf? Diese Fragen ziehen sich durch jedes Jahr und zeigen mir immer wieder aufs Neue, was für einen Workload so ein Projekt mit sich bringt. Wenn sich das Projekt von den Arbeitsstunden her zu einem intensiven Nebenjob entwickelt, ist außerdem die Frage, wie es neben Schule, Studium oder Arbeit weiterlaufen kann und wo man wieder einen Schritt zurückmachen muss. Bis Ende dieses Jahres steht zumindest noch alles auf fes tem
Grund. Dann kommt die alljährliche Frage, ob es eine nächste Runde gibt. Wie denkst Du über die Möglichkeiten, die junge Menschen haben, um kulturelle Projekte zu realisieren? Was ist gut?

Was sollte sich Deiner Meinung nach ändern?

Als studentische Hilfskraft in einer Einrichtung, die sich mit kulturellen Angeboten für Kinder und Jugendliche beschäftigt, habe ich oft das Gefühl, dass es eigentlich ein großes und abwechslungsreiches Angebot gibt. Es wird versucht (oft auch auf Gedeih und Verderb), mit den aktuellen Trends der Jugendkultur Schritt zu halten. Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung, dass selbst bei großem Angebot und vielleicht auch Interesse vieler Kinder/Jugendlicher zwei große Probleme bleiben: das nötige Geld und die nötige Zeit. Viele Kurse können nicht besucht werden, weil sie Geld kosten. Schon geringe Preise können das Aus bedeuten. Einige der jüngeren Teilnehmer/innen in meiner Gruppe haben neben Schule, Nachhilfe und Lernen kaum Zeit für Proben. Den Gedanken,
sich selbst eine Plattform zu schaffen und mit gleichgesinnten Jugendlichen etwas auf die Beine zu stellen, haben
meiner Meinung nach auch nur wenige Jugendliche – und damit meine ich nicht, eine Facebook-Gruppe zu gründen. Vielleicht wäre ein eigenständiges Projekt in der Schullaufbahn eine Idee. Hier würde man lernen, dass man das, was man tun möchte, auch selbst in die Tat umsetzen kann (und muss). Auch ein fehlgeschlagenes Projekt kann dabei einen überaus großen Lernprozess anregen. Notwendig wäre natürlich tatkräftige Unterstützung durch das Lehrpersonal. Und was ist gut? Meiner Meinung nach ist jedes Projekt und jedes Angebot – ob für Kinder, Jugendliche, Migrant/innen, ob als interkulturelles Projekt oder zum Thema Inklusion durchgeführt – sowie jede weitere Form der kulturellen oder kreativen und sozialen Lebensgestaltung gut. Sie sollten weiter erhalten und wenn möglich ausgebaut werden. PUNKT!

Cosplay

Beim Cosplay (von costume/Kostüm und play/Spiel) geht es um die Darstellung und Inszenierung von Figuren aus einem Manga, Anime, Videospiel oder Spielfilm. Besonders viel Wert wird hierbei auf originalgetreue Kostüme gelegt. In Wettbewerben auf Veranstaltungen (Conventions) der Fanszene treten die Cosplayer mit kleinen Stücken/Choreografien auf und gegeneinander an.

 

Text: Dieses Interview führte Laura Mattick für das Magazin KULTURELLE BILDUNG Nr. 14 /// Partizipation.
Bestellung unter: https://www.bkj.de/pub./magazin/id/9041.html


Bilder: Maurizio Onano

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