Einblick No. 49 // Alumni

In diesem Sommer begab ich mich sechs Wochen auf den Camino del Norte einen der vielen Jakobswege in Spanien. Meine Pilgerreise begann jedoch schon dreieinhalb Jahre vorher, während meiner Abiturzeit.

Zeit, meinen Weg weiterzugehen

Mein Bruder Chris erkrankte damals an Knochenkrebs. Das zog mir damals den Boden unter den Füßen weg. Während sich meine Mitschüler, für ein Studium, einen Beruf oder ein FSJ bewarben, Pläne für ein Auslandsjahr schmiedeten, entschied ich mich dafür, ein Jahr bei ihm zu Hause zu bleiben und mich um ihn zu kümmern. Die Zeit war unheimlich kostbar für mich.
Doch wie sollte es mit mir weitergehen? Die Liste meiner Berufswünsche war lang: Schauspielerin. Regisseurin, Dramaturgin oder Theaterpädagogin. Dennoch konnte ich meinen Bruder nicht alleine lassen. Also arbeitete ich erst einmal am Einlass beim Theater Chemnitz. Es hat viele Gespräche mit meinem Bruder gebraucht, bis ich mich aufraffen konnte und meine Pläne verfolgte. Immer wieder sagte er: „Du musst auch an dich und deine Zukunft denken. Wie es mit mir weitergeht, kannst du auch nicht beeinflussen, wenn du hier bleibst.“

 

Das FSJ Kultur – Wie soll es mit mir weitergehen?

2014 bewarb ich mich deutschlandweit für ein FSJ Kultur am Theater.Christin wandert durch einen Hain Innerhalb von 14 Tagen hatte ich Vorstellungsgespräche in Gera, Frankfurt, Lörrach, Augsburg, Rostock und Dresden. Etwa eine Woche später dann auch am Thüringer Landestheater Rudolstadt. Die Zeit war sehr anstrengend und zugleich aufregend.

Nach etlichen Absagen bekam ich schließlich eine Zusage der Bühne 602 in Rostock und beim Thüringer Landestheater Rudolstadt. Ich entschied mich damals aus zwei Gründen für Rudolstadt: Zum einen war Rudolstadt näher an Chemnitz, so dass ich meinen Bruder regelmäßig besuchen konnte und zum anderen stimmte die Chemie mit der Theaterpädagogin Ulrike Lenz, welche meine Betreuerin im FSJ Kultur war.

Bevor ich mein FSJ Kultur am 1. September 2014 in Rudolstadt begann, ereilte mich im Sommer noch eine gute Nachricht: Mein Bruder war geheilt, sodass ich mit gutem Gewissen nach Rudolstadt umziehen konnte. Schnell stellte sich heraus, dass die Arbeit mit Kindern für mich ziemlich anstrengend war. Mir fiel es schwer, Gedanken zu vereinfachen und dem jungen Publikum nahe zu bringen. Ich bekam das Gefühl, dass ich Theaterpädagogin von meiner Berufswunschsliste streichen konnte. Ulrike unterstützte mich sehr und half mir einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen zu finden. Regelmäßig sprachen wir über meine Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Probleme in der Arbeit, sodass ich mich nie allein gelassen fühlte. Christin schaut hinab von einer Klippe auf das MeerSie lies mich auch meine anderen Berufswünsche überprüfen. So durfte ich hospitieren, eine szenische Lesung mit dem Jugendclub erarbeiten, dramaturgische Stückvorbereitungen machen und sie erarbeitete mit mir Monologe für die Schauspielschule. Wir beide merkten, dass meine Stärken mehr im inhaltlichen Denken und umsetzen liegen, statt in der Arbeit mit Kindern, sodass wir meinen FSJ Kultur-Schwerpunkt verlagerten. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Ende September erkrankte mein Bruder erneut an Knochenkrebs, das war für mich eine seltsame Zeit: Ich war glücklich mit meiner Arbeit, konnte auch sehr oft nach Hause fahren, aber es fehlten mir in der Kleinstadt Leute, mit denen ich mich darüber austauschen konnte. Die lernte ich erst auf meinem ersten FSJ Kultur-Seminar kennen. Viele Freundschaften, die ich innerhalb meiner Seminargruppe geschlossen habe, habe ich immer noch. Das Schöne an den Seminaren war, dass wir uns gegenseitig beflügelt haben. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und die Stärken des Einzelnen herausgekitzelt.

Ich habe in meinem FSJ Kultur viel gelernt, vor allem auf mich selbst zu vertrauen und auf mich zu achten. Aber die wichtigste Erkenntnis die ich in dem Jahr gewonnen habe, ist, dass ich unbedingt weiter am Theater arbeiten möchte. Nach dem einem Jahr stand auf meiner langen Berufswunschliste nur noch ein Beruf: Regisseurin. Ich hatte mich allerdings nicht für ein Regiestudium beworben. Ich hatte während des Jahres keinen Kopf dafür. Oft fehlte mir einfach die Kraft. Zu sehr hatte ich mit der Krankheit meines Bruders zu kämpfen. Doch ich hatte Glück: Am Rudolstädter Theater wurde eine Stelle als Regieassistentin und Souffleuse frei und ich wurde direkt nach meinem FSJ Kultur übernommen.

 

Das Engagement – Wofür bin ich dankbar?

In den sechswöchigen Theaterferien kam ich wieder etwas zurChristin und ihr Bruder gemeinsam an der Ostsee Ruhe. Chris schien es besser zu gehen. Doch dann wanderte der Knochenkrebs vom Arm in die Lunge und im Oktober 2015 war klar, dass er den Kampf gegen den Krebs nicht überleben würde.

Ich stürzte mich in die Arbeit, denn die gab mir Kraft. Mein Bruder zog ins Kinder- und Jugendhospiz „Sonnenhof“ in Berlin um. In den folgenden Monaten pendelte ich viel zwischen Rudolstadt und Berlin: drei Tage Berlin, vier Tage Rudolstadt. Im Theater Rudolstadt hatten alle Verständnis für meine Situation und mir wurde freigegeben, wenn ich nach Berlin fuhr. Dort wurde meine gesamte Familie aufgenommen. Die Zeit im Hospiz war sehr intensiv. Mein Bruder war es, der mich dazu ermutigte immer wieder nach Rudolstadt zu fahren. Er wollte, wie vor meinem FSJ Kultur, dass ich an meine Zukunft denke. Die letzten zwei Wochen verbrachte ich dann komplett im Hospiz, wo mein Bruder dann am 3. Januar 2016 verstarb.

Ich flüchtete mich nach seinem Tod wieder in die Arbeit. Denn ich konnte und wollte nicht darüber nachdenken, was passiert war. Innerhalb von zweieinhalb Wochen inszenierte ich mit dem TheaterJugendClub eine Textcollage. Das erste Mal habe ich während einer Aufführung des Stückes, über den Tod meines Bruders geweint. Ich wusste, dass ich so nicht mehr lange weitermachen konnte und entschied mich, am Ende der Spielzeit eine sechswöchige Auszeit von allem zu nehmen und auf dem Camino del Norte, einem der Jakobswege, zu pilgern.

Auf nach SantiagoAls ich meinen Eltern ankündigte: „Ich bin dann mal weg“, um den Tod von Chris zu verarbeiten, hielten die mich erst einmal für bekloppt. Doch mein Plan stand fest. Anfang Juni pilgerte ich eine Woche durch Thüringen, um mich vorzubereiten. Während dieser Woche stellte ich mir die Frage „Wofür bin ich dankbar?"

Ein Gedanke, den ich dazu hatte, war, dass es Einrichtungen wie den „Sonnenhof" in Berlin gibt. Dort wurden meine Familie und ich bedingungslos aufgenommen. Drei Monate hat der „Sonnenhof" alles getan, um meinem Bruder und meiner Familie die Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Ich wollte unbedingt etwas von dem, was ich erfahren hatte, zurückgeben, damit noch vielen anderen sterbenskranken Kindern und Jugendlichen geholfen werden kann. Also entschloss ich mich, aus meiner Pilgerreise einen Spendenlauf zu machen. Viel Zeit hatte ich nicht um alles zu organisieren. Innerhalb von vier Wochen bastelte ich einen Blog, gab Interviews in Zeitungen, verteilte Spendenflyer, lies T- Shirts drucken und schrieb Firmen, Kollegen, Freunde und Verwandte an.

Am 17. Juli stieg ich abends in das Flugzeug und startete meine Reise in Spanien. Das war bisher die beste Zeit in meinem Leben. Jeden Morgen startete ich zwischen 6 und 7 Uhr und lief bis in den Nachmittag hinein. Es tat gut, den Weg allein zu bestreiten und dennoch nicht allein zu sein. Ich traf jeden Tag andere Pilger, mit denen ich mich über alles Mögliche austauschte. Viele Sprachen mich auch auf mein „Spendenlauf“ T-Shirt an. Sie waren oft beeindruckt von dieser Idee. Aber eine der schönsten Begegnungen hatte ich mit Claire, einer etwa 50jährigen Belgierin. Sie meinte zu mir: „Bist du bekloppt, deinen Pilgerweg mit einem Spendenlauf zu verbinden? Bei dieser Reise geht es um dich.“ Und damit hatte sie ein wenig Recht. Ich traf sie ungefähr auf der Hälfte meines Weges. Zu dem Zeitpunkt war ich total fertig, weil mein Fuß permanent schmerzte und ich Angst hatte, dass ich die Reise abbrechen müsste. Das wollte ich unter keinen Umständen. Ich konnte für mich nicht aufhören. Immer wieder sagte ich mir: „Mein Bruder musste viel schlimmere Schmerzen erleiden.“

Irgendwie habe ich, es trotz Schmerzen, doch nach Santiago de Compostela geschafft. Denn manchmal passieren auf dem Camino Wunder: An dem Tag, als ich endgültig abbrechen wollte, traf ich auf Susan, eine kanadische Physiotherapeutin, die mir schon am ersten Tag begegnet war. Unsere Wege hatten sich eine Zeit lang verloren. Mit ihr gemeinsam und dank vieler Massagen schaffte ich es nach Santiago.

Insgesamt konnte ich mit meinem Spendenlauf über 10.000 Euro für dasSpuren im Sand Kinder- und Jugendhospiz „Sonnenhof“ in Berlin sammeln. Ich hatte niemals mit einer so großen Resonanz gerechnet. Das Ankommen im Alltag fiel mir schwer. Erst jetzt nach drei Monaten bin ich wieder richtig hier. Die Erfahrungen, die ich während der Pilgerreise gemacht habe, haben mich sehr geprägt. Seit meiner Rückkehr nehme ich vieles leichter und habe meinen inneren Frieden gefunden. Ich habe es vorher für dummes Gerede gehalten, dass man vom Jakobsweg nicht wieder loskommt, doch ich habe schon meine nächste Pilgerreise im Sommer 2017 in Frankreich geplant.

Mittlerweile habe ich zwei weitere Freiwillige, die in ihrem FSJ Kultur unheimlich gewachsen sind, kommen und eine gehen sehen. Jetzt wird es irgendwann auch für mich Zeit, meinen Weg weiterzugehen.

 

Weiteres zur Reise steht auf dem Blog: www.dereinarmigebandit.blogspot.de
Dort erscheinen ab dem 12. Dezember jeweils montags und donnerstags Blogbeiträge über die Reise.

 

 

Text: Christin
Bilder: Christin

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