Einblick No. 8 // Freiwillige

"Ein mulmiges Gefühl bleibt"

Maxi leistet ihren Freiwilligendienst seit September 2012 in der Gedenkstätte für Opfer der NS-"Euthanasie" in Bernburg.

Else (34 Jahre),  Berta (42 Jahre) , Erich (13 Jahre), … - Nur drei Namen von mehr als 14.000

Im Frühjahr 1943 kam der letzte Tötungstransport in der damaligen „Euthanasie“-Anstalt Bernburg an. 70 Jahre später absolviere ich seit September 2012 in der Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ meinen Freiwilligendienst.

Das erste Mal kam ich vor einigen Jahren mit meiner Einsatzstelle in Berührung, allerdings als Schülerin im Rahmen eines Besuchs der Gedenkstätte. Bereits damals war mein Interesse für diesen traurigen Teil unserer Geschichte groß, wie auch der Wille, sich gegen aktuelle Formen des Rechtsextremismus zu engagieren. Daher habe ich mich explizit für ein FSJ Kultur in einer Gedenkstätte entschieden – und in Bernburg stimmte die Chemie.

Es ist in der heutigen Zeit nicht einfach, eine Geschichte zu vermitteln, die über 70 Jahre vergangen ist. Aber ist sie das wirklich? Dieser Ansatz der pädagogischen Aufarbeitung des Themas in der Gedenkstätte Bernburg hat mich von Anfang an fasziniert. Hier wird nicht allein die Zeit von 1933 bis 1945 in den Mittelpunkt gestellt, es wird auch sehr viel Wert auf die Zeit davor und die Zeit danach gelegt, um zu verstehen, wo die nationalsozialistischen Gedankengänge ihren Ursprung haben und inwieweit diese noch heute verankert sind.

In den ersten Wochen meiner Arbeit standen vor allem das Einleben und das Einlesen in das Thema im Vordergrund, denn bald sollte ich erste Führungen übernehmen. Und eben die sind es auch, die nun einen Großteil meiner Arbeit ausmachen: Ich bringe meist Schülern/-innen, aber auch Erwachsenen, nahe, was der euphemistische Begriff „Euthanasie“ (von griech. euthánatos: schöner Tod; Anm. d. Red.) im Nationalsozialismus bedeutete und warum genau man sich auch heute mit dem ideologischen Gedankengut aus dieser Zeit auseinandersetzen muss. Hier liegt auch die Herausforderung, die die Arbeit in der Gedenkstätte Bernburg so abwechslungsreich macht. Ich muss mich immer wieder neu auf eine Gruppe und deren Dynamik einlassen, mich auf besonders emotionale Gespräche, Diskussionen, oder aber auch auf komplettes Desinteresse einstellen und dabei souverän bleiben und meine Reaktionen bedacht wählen.  Durch diese Aufgabe habe ich an Selbstsicherheit, Selbstständigkeit und vor allem an Wissen gewonnen. Dennoch bleibt natürlich immer ein mulmiges Gefühl - vor allem, wenn ich mich ganz alleine in den historischen Räumen aufhalte.

Da meine Einsatzstelle personell gesehen eine sehr kleine ist (genau genommen sind es tatsächlich nur zwei fest angestellte Mitarbeiterinnen), bekomme ich als Freiwillige die Möglichkeit, an jeder Stelle mit anzupacken und dadurch die Gedenkstättenarbeit sehr intensiv kennenzulernen. Mir wird viel zugetraut und ich arbeite an den pädagogischen Materialien mit, helfe beim Ordnen der Bibliothek, organisiere Veranstaltungen etc. Das Arbeitsklima ist auch deshalb ein sehr angenehmes, weil ich mir nicht wie eine Hilfskraft vorkomme, für die es sowieso nichts zu tun gibt.

Mich für einen Freiwilligendienst entschieden zu haben, war eine richtige Entscheidung, denn ich habe durch die Arbeit in der Gedenkstätte, wie auch bei den Seminaren meines Trägers viele unglaubliche Menschen kennengelernt, die mit mir auf einer Wellenlänge sind und denen ich sonst wahrscheinlich nie begegnet wäre.

Text: Maxi
Bild: LKJ Sachsen-Anhalt
April 2013

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