Einblick No. 9 // Träger

Eine Frage des Blickwinkels

Ein besonderes Bildungsseminar für das FSJ Kultur: Besuch der Kulturhaupstadt Marseille

In diesem Jahr ist Marseille eine der zwei Kulturhauptstädte Europas. Als Treffpunkt von Kulturen aller Art, wie von offizieller Seite beschrieben, lockte sie auch das Kulturbüro Rheinland-Pfalz an. Das dritte Bildungsseminar für die Freiwilligen des Jahrgangs 2012/2013 in Rheinland-Pfalz wurde deshalb in diese Stadt verlegt. Den Freiwilligen sollte nicht bloß die Möglichkeit geboten werden, eine Kulturhauptstadt zu besuchen, sondern auch unterschiedliche Blickwinkel auf eine Stadt wahrzunehmen und zu entdecken.  Einige Eindrücke haben wir bei den Freiwilligen gesammelt.

Marseille hat sich herausgeputzt. Zahllose Baustellen hatten monatelang das Stadtbild geprägt. Attraktiv und touristenfreundlich präsentiert sich die Stadt heute den Touristen. Kulturinteressierten wird eine Fülle an Kulturveranstaltungen geboten, mit jeder nur erdenklichen subkulturellen Ausprägung, über die sich vorzüglich bei einem Café au Lait in einem der zahllosen kleinen Cafés am Hafen diskutieren lässt.

Das andere Marseille kann man im Norden der Stadt erleben. Hier hat keine Umgestaltung der Stadt stattgefunden, hier sind keine Gebäude errichtet worden, um Touristen zu beeindrucken, hier leben die Armen, hier findet man den Rand der Gesellschaft. Hier, wo Kriminalität und Drogen den Alltag der Einwohner bestimmen und sich eigentlich kein Tourist hin verirrt, stößt die Gruppe der Freiwilligen auf Santiago. Er hat in Eigenleistung das Projekt „Gärten der Möglichkeiten“ geschaffen, um Anwohnern eine Alternative zum kriminellen und trostlosen Alltag zu bieten. Neben der Möglichkeit, ein eigenes Beet mitten im hektischen Umfeld der Stadt zu bepflanzen und zu pflegen, finden hier auch kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen oder kleine Theaterstücke statt – und das findet Anklang. In den Reiseberichten schildern Freiwillige die Szenerie bei der Ankunft im Garten: „In der Tat sind mehrere kleine Jungs zu dieser Zeit bei Santioago und vertreiben sich die Zeit ein wenig mit Boule.“ Zur großen Freude und Überraschung des Initiators greifen die Freiwilligen kurzerhand zu Spaten und Hake und beteiligen sich daran, Grünfläche urbar zu machen.  Auf diesen Blickwinkel von Marseille wird man in keinem Reiseführer hingewiesen. Diese Facette einer Stadt zeigt, dass nicht immer viel Geld benötigt wird, um etwas Sinnvolles zu erschaffen. Santiago beweist, dass eine Idee und Überzeugung gepaart mit Idealismus und Eifer etwas bewegen und eine Stadt wie Marseille im Kleinen verändern können.

Einen ganz anderen Blickwinkel auf Marseille bieten die Organisatoren der Kulturhauptstadt durch ihr Projekt „Concert de sons de ville“. Zugegeben klingt es zu Anfang paradox, wenn mit verbundenen Augen ein Blickwinkel auf eine Stadt gewonnen werden soll. Einige Freiwillige beteiligten sich dennoch am Experiment.  Ohne etwas zu sehen, wurden sie von einer Person, von der sie nicht wussten, wer es ist, durch Marseille geführt und mussten ‚blind‘ vertrauen. Plötzlich bekommen Geräusche eine andere Bedeutung für die Orientierung, stellen alle Freiwilligen fest. Die Schritte durch Marseille sind am Anfang noch zaghaft und vorsichtig, werden aber bald sicherer, als das Vertrauen zur unsichtbaren Begleitperson gefasst wurde. Das Gespür für Bordsteine und ausgetretene Stufen wird geschärft und nach kurzer Zeit finden sich die Freiwilligen in ihrer neuen, ungewohnt dunklen Situation zurecht – sind aber dennoch alle froh, nach einiger Zeit die Augenbinde abnehmen und zum „Konzert der Stadt“ auch wieder die passenden Bilder sehen zu können.

Hintergrund des Seminars war, am Bespiel von Marseille eine Idee davon zu bekommen, mit wie vielen unterschiedlichen Blickwinkeln man eine Stadt wahrnehmen kann. Selbst die Heimatstadt kann man auf ganz unterschiedliche Weise wahrnehmen: Entweder als Einheimischer, der sich den kürzesten Weg zwischen möglichst günstigem Parkplatz und Einkaufsmöglichkeit überlegt, oder als Interessierter, der abseits der ausgetretenen Pfade den Santiago der eigenen Heimatstadt sucht und Dinge erfährt, die in keinem Reiseführer stehen.

Von Ingmar Flach
Kulturbüro Rheinland-Pfalz
Mai 2013

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